Gay Travel Index 2020: In 15 Ländern droht Homosexuellen die Todesstrafe

Der neue Gay Travel Index vergleicht über 200 Staaten. Ergebnis: Einige Urlaubsziele sind nicht so paradiesisch, wie sie anmuten. Vielerorts werden Gesetze gegen Homosexuelle verschärft. In einem Land droht Steinigung.

In 15 von weltweit 202 Ländern und Regionen droht Homosexuellen aktuell die Todesstrafe. In mindestens 45 Staaten wurden im vergangenen Jahr Menschen wegen ihrer Homo- oder Transsexualität ermordet. Das geht aus dem gerade veröffentlichten Spartacus Gay Travel Index 2020 hervor, der seit 2012 jetzt zum achten Mal erschienen ist.

Mit 20 Minuspunkten schneidet die russische Teilrepublik Tschetschenien am schlechtesten ab (Platz 202). Somalia (Rang 201, 19 Minuspunkte) liegt an vorletzter Stelle. Mit jeweils 18 Minuspunkten landen der Iran und Saudi-Arabien, das sich 2019 erstmals für westliche Touristen geöffnet hat, gemeinsam auf Rang 199.

Miserabel schneiden auch die Vereinigten Arabischen Emirate (Platz 195, 15 Minuspunkte) sowie Katar (Platz 190, 14 Minuspunkte) ab – beides Länder, in denen Tourismus eine wichtige Rolle spielt.

Todesstrafe für Homosexuelle im Gesetz verankert

Den hier genannten Regionen und Nationen ist gemeinsam, dass sie die Todesstrafe für Homosexuelle im Gesetz verankert haben, auch wenn sie nicht immer ausgeübt wird. Weitere Länder, in denen laut Gay Travel Index die Todesstrafe für Homosexualität droht, sind der Jemen, Libyen, Afghanistan, der Sudan, Mauretanien, Pakistan sowie die Teile Nigerias und Indonesiens, in denen das islamische Scharia-Recht gilt. Das Sultanat Brunei hat die Todesstrafe durch Steinigung erst 2019 offiziell eingeführt, praktiziert sie nach internationalen Protesten bisher aber nicht.

Zu den Ländern und Regionen, in denen auffällig viele Trans- und Homosexuelle ermordet wurden, zählen dem Index zufolge neben muslimischen Ländern (wie dem Iran, Afghanistan, dem Jemen) auch afrikanische Staaten (wie Malawi, Kamerun, Simbabwe) sowie Teile Lateinamerikas (wie Brasilien, Mexiko, Peru, Guatemala) und der Karibik (wie Puerto Rico, Bahamas, Jamaika).

„Das Ranking zeigt, dass sich der weltweite Liberalisierungsprozess deutlich verlangsamt hat“, sagt Christian Knuth, der bei der Spartacus-Mediengruppe für den Gay Travel Index verantwortlich ist, gegenüber WELT. Der Index wird jährlich veröffentlicht, anhand von 17 Kriterien (bis 2019 waren es 14 Aspekte) werden Plus- und Minuspunkte vergeben und ein Nationenranking erstellt.

Der Kriterienkatalog umfasst beispielsweise Antidiskriminierungsgesetze, Ehe für alle, religiösen Einfluss, Verfolgung, Mordrate und Todesstrafe. Erstmals bewertet werden jetzt das Verbot der umstrittenen „Homo-Heilung“ (Konversionstherapie) sowie die Akzeptanz von Intersexualität als zusätzlicher Geschlechtsoption neben männlich und weiblich.

Gay Travel Index appelliert an alle Urlauber

Der Gay Travel Index dient nicht nur Lesben, Schwulen, bisexuellen und Transgender-Menschen als Orientierung für geplante Reisen, „er soll auch dazu dienen, heterosexuelle Reisende zum Nachdenken über moralische und rechtliche Standards ihres Reiseziels zu bewegen – und einen Urlaub in einem schlecht bewerteten Land gegebenenfalls auszuschließen“, sagt Knuth. Man könne bewusst Urlaub in Ländern machen, „in denen die queere Community ein akzeptierter und geliebter Teil der Gesellschaft ist“.

Als schwierige Reiseziele betrachtet der Index beispielsweise die touristisch wichtigen Länder Ägypten und Tansania (beide Rang 181, 13 Minuspunkte), in denen Homosexuelle nicht nur mit LGTB-feindlicher Grundstimmung, sondern auch mit Gefängnis rechnen müssen.

Denselben miserablen Stand im Ranking hat Uganda, wo Homosexualität nicht nur tabuisiert ist und unter Strafe steht. In dem Land, das als „Perle Afrikas“ um Touristen wirbt, fordern Politiker immer wieder die Todesstrafe für Homosexuelle.

Der Gay Travel Index deckt sich weitgehend mit der Auswertung der International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association (ILGA), die besagt, dass es Ende 2019 weltweit 70 Länder und Territorien mit antihomosexuellen Gesetzen gab. In 35 UN-Mitgliedsstaaten wurden die Gesetze, die einvernehmlichen gleichgeschlechtlichen Sex unter Strafe stellen, in den vergangenen zwei Jahren sogar verschärft.

In Europa ist Polen deutlich abgerutscht

Blickt man nach Europa, schneidet Russland laut Gay Travel Index am schlechtesten ab (Platz 161, zwölf Minuspunkte). Hier ist Homosexualität zwar nicht offiziell verboten, „Propaganda“ für Gleichgeschlechtlichkeit dagegen schon.

Schwulenfeindliche Übergriffe sind an der Tagesordnung, die orthodoxe Kirche hält Homosexualität für „unmoralisch“, und in der neuen russischen Verfassung, die gerade erarbeitet wird, soll ein Verbot gleichgeschlechtlicher Ehen verankert werden.

Im Vergleich zum Vorjahr ist Polen im Index deutlich abgerutscht (Rang 103, sechs Minuspunkte). 2019 belegte das Land noch Platz 83. Grund hierfür ist laut Knuth vor allem die Einrichtung sogenannter „LGTB-freier Zonen“, die mittlerweile rund ein Drittel des Staatsgebiets umfassen.

Homo-Ehe erlaubt, Konversionstherapien verboten

Aber es gibt auch gute Nachrichten. Etwa die, dass Malta im Gay Travel Index von Platz vier im Vorjahr auf den ersten Rang aufgerückt ist, den das Land gemeinsam mit Schweden und Kanada belegt (jeweils zwölf Pluspunkte). Für Malta sprechen zum Beispiel die Antidiskriminierungsgesetze (seit 2004), dass Homo-Ehe und Homo-Adoption erlaubt, Konversionstherapien verboten und intergeschlechtliche Menschen anerkannt sind.

Zu den Aufsteigern zählen Argentinien und Uruguay, die sich mit den Niederlanden, Spanien und Großbritannien Rang fünf teilen. Gemeinsam auf Platz 23 landen Südafrika (bestplatziertes Land Afrikas) sowie Israel und Taiwan (bestplatzierte Länder in Asien).

Taiwan legalisierte als erstes asiatisches Land die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare. Angola verbesserte sich durch die Abschaffung der Strafbarkeit von Homosexualität vom 104. auf den 65. Platz.

Deutschland schneidet besser ab als 2019

Deutschland kletterte im aktuellen Gay Travel Index auf Rang zehn – wegen verbesserter Intersex-Rechte und dem sich abzeichnenden gesetzlichen Verbot der Konversionstherapie. 2019 rangierte die Bundesrepublik noch auf Position 23.

Auch die USA machten einen Sprung nach vorn, von Rang 47 (2019) auf 31 (2020). Allerdings ist die Situation von Bundesstaat zu Bundesstaat sehr unterschiedlich, deshalb bewertet der Gay Travel Index die USA nicht nur im Nationenranking, sondern auch im Rahmen eines separaten Bundesstaaten-Indexes.

Dort liegt Kalifornien auf Rang eins, gefolgt von Nevada und New York State (beide Platz zwei). Das schlechteste Ergebnis fuhr Ohio ein (Rang 51).

Allen Negativentwicklungen zum Trotz bewertet auch die ILGA positiv, dass Ende 2019 genau 123 UN-Mitgliedstaaten (plus Taiwan) einvernehmlichen gleichgeschlechtlichen Sex als legal betrachteten. In 28 Ländern ist die gleichgeschlechtliche Ehe der Ehe zwischen Mann und Frau gleichgestellt.

Und immerhin elf Nationen haben laut ILGA in ihrer Verfassung ein Diskriminierungsverbot wegen sexueller Orientierung festgeschrieben, darunter Schweden, Portugal, Südafrika, Nepal und Bolivien.

Hier findest Du den Spartacus Gay Travel Index 2020 in ganzer Länge.

Quelle: welt.de

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